Zum Inhalt
Fakultät Kulturwissenschaften
Vergangene Veranstaltung

Readification now! Lesen in der Disruption

Mit einem Workshop zum Thema »Lesen« feierte das Institut für Diversitätsstudien an der TU Dortmund am 11./12. Dezember 2025 sein 5-jähriges Bestehen. Während der erste Tag mit Impulsvorträgen von Prof. Dr. Berbeli Wanning (Universität Siegen), Katrin Odermann (IDiv) und Prof. Alice Kuzniar, PhD (University of Waterloo CA) und einer anschließenden Fish Bowl Diskussion gestaltet wurde, war der zweite Tag als World Café mit Stationen zum De/codieren, Informieren, Verstehen und Genießen organisiert. Außerdem gab es eine Postergalerie mit Beiträgen von Studierenden zu besuchen.

Warum die Studierenden und uns als Institut für Diversitätsstudien das Lesen ganz besonders interessiert? Mit dem Workshop wollten wir das Lesen als Basiskompetenz in demokratischen, mehrsprachigen und diversen Gesellschaften in den Blick rücken, vor allem deshalb, weil sich die Bedingungen für das Lesen in den letzten Jahren dramatisch verändert haben. Lesende im digitalen Dispositiv zeigen äußerst geringe Aufmerksamkeitsspannen. Dieses Leseverhalten – surfen, scrollen, swipen, skimmen – ist von hochfrequenter Reizrezeption gekennzeichnet. Disruption als politisches wie ästhetisches Prinzip regiert Menschen, denen es zunehmend schwerfällt, sich auf einen Gegenstand zu konzentrieren.

Die Bildungspolitik hat dieser Entwicklung kaum etwas entgegenzusetzen, im Gegenteil: Kürzungen, Vereinfachungen, Schließungen, auch Sprachverbote beherrschen die Nachrichten. Zugleich könnte man den Eindruck gewinnen, das Lesen sei wieder stark in Mode. 2024 erschienen ca. 67.000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt (ca. plus 10% seit 2023). Romangenres wie New Adult & Young Adult erobern eine eigene Halle auf der Frankfurter Buchmesse. In den sozialen Medien begegnet uns das Phänomen des performative reading – jene Inszenierungsstrategien von Social Media-Nutzer:innen als lesende Menschen, die längst ihrerseits zur Zielscheibe der digitalen Spott- und Hassindustrie geworden sind. Bibliotheken dienen als Zoom-Hintergründe und Einrichtungskulissen, und Studien schätzen, dass immerhin ca. 20% der zuhause herumstehenden analogen Bücher auch wirklich gelesen wurden.

Lesen ruft außerdem Fragen der sozialen Ungleichheit auf: »Als eine Frau lesen lernte, trat die Frauenfrage in die Welt,« lautet der vielzitierte Aphorismus von Marie von Ebner-Eschenbach. War der Zugang zu Bildung und Alphabetisierung nicht immer schon durch die soziale Schicht, die Herkunft, die Religion, das Geschlecht determiniert – und zwar bereits im Übergang von mündlichen zu Schriftkulturen, als Gesetzestexte und Bürgerrechte den sozial hochgestellten Männern einer Gesellschaft vorbehalten waren? Wir können im Hinblick auf illiterate Gesellschaften nicht weit genug zurück- und in die Zukunft vorausdenken, um es bei diesem Thema nicht mit Diversität und Differenz zu tun zu bekommen. Unter diesen Gesichtspunkten lohnt es sich, das Lesen auch weiterführend als einen Zugang zur Welt zu diskutieren, der sich Disruption, Zerstreuung und Reizkumulationen entgegenstellt.

Prof. Dr. Barbara Mertins bei einem Vortrag © Idiv
Zhengtao Ding bei einer Präsentation © Idiv
Aufnahme bei einem der Vorträge. Man sieht das Publikum von hinten. © Idiv
Bild von einer Podiumsdiskussion. Man sieht die Gruppe von hinten. © Idiv
Ein Vortrag. Auf der Powerpoint-Folie steht "Wir sind nicht nur das, was wir lesen. Wir sind das, wie wir lesen." © Idiv